Kolumne
Am Anfang ist man dumm
… oder die Frage, ob man immer alles wissen wollen muss
Jeder kennt den Sinnspruch: „Lieber Paul, man kann zwar alles essen, aber nicht alles wissen!“. Die Lehre, die Paul aus dem Gesagten ziehen soll, nämlich Erstickung jeder allzu ausufernden Neugier bereits im Keim, ist gemeinhin anerkannt, wenn auch nicht allgemein befolgt. Denn Wissensdrang und Wissensdurst, das sind schließlich die Eckpfeiler jener Wissensgesellschaft, derer wir unbestritten nun mal jeder ein Teil sind. Wir googlen und stellen fest: Nein, es verhält sich ganz anders: Nicht das bloße Aufsaugen und Versammeln von Wissen definiert die Wissensgesellschaft, erst die Selektion und Aufbereitung des Auf- und Eingesaugten nach „Verbrauchergesichtspunkten“ macht sie aus (mit Verbraucher sind hier übrigens die Wissen hortenden Gesellschaftssubjekte, also die Menschen gemeint). Das ist keine Haarspalterei, das ist so. Und das würde auch Paul unterschreiben, aber der hat andere Sorgen, denn er ist uns eine Antwort schuldig. Und zwar die auf die Frage: Kann man denn zu viel wissen wollen?
Ein nachdenklich stimmendes Beispiel ist sicherlich die Bruchlandung vom alten Ikarus. Der Fall ist zwar als Sage nur sinnbildlich zu verstehen und keine gelebte Praxis, aber er macht klar, worum es geht: der Griff nach der Sonne ist ebenso vermessen wie der Wahn, zu viel wissen zu wollen. Und beides kann gewaltig nach hinten losgehen. Aber das ist hier gar nicht die Crux. Es drängt sich nämlich viel mehr die Frage der Sinnhaftigkeit von Wissen auf. Unsinnig ist Wissen doch nur dann, wenn es nicht mit einem Verwendungszweck verknüpft wird, quasi Wissen im luftleeren Raum, verpackt, verstaubt, vergessen. Und auch alles Filtern und Weiterverarbeiten ist Schall und Rauch ohne Plan, was mit dem ganzen gefilterten und verarbeiteten Wissen eigentlich passieren soll. Aha, da geht uns ein Licht auf: Viel Wissen wollen ist im Regelfall gar nicht das Ziel, sondern der Weg dahin. Lange vor aller Wissenssammelwut gibt es immer einen Fall, der gelöst werden will – und dazu muss ich was wissen. Ein Beispiel: In der Firma hakt es, ich weiß nur nicht, wo. Es macht aber Sinn, das herauszufinden. Und schon muss ich … genau: was wissen. Und zwar alles, was mir hilft, das Problem zu beseitigen: Was ist die Ursache? Wo ist die Schieflage lokalisiert? Wie kann eine mögliche Lösung aussehen? Am Ende wende ich mein gesammeltes Wissen an bis nichts mehr hakt und alles wieder läuft. Wir lernen also: Wissen will gebraucht werden, dann ist es Gold wert. Aber mal ehrlich: Das wussten wir doch schon, oder?